Achtsamkeit – der Zauber des Moments

alles fließtHektik, Stress, alles geht viel zu schnell und teilen sollten wir uns auch können. Deswegen sitzen wir zeitungslesend beim Frühstück, telefonieren auf dem Weg zur Arbeit noch schnell mit dem Liebsten, während wir uns entspannen wollen und deswegen mit dem Hund eine Runde joggen, haben wir den Knopf im Ohr und hören laute Musik. Joggen wir nicht beim Hundegassi, halten wir das Telefon in der Hand und schauen eben schnell die neuesten Nachrichten bei Facebook. Sitzen wir mit Freunden beim Italiener, schauen wir, während wir so tun als hörten wir ihnen zu, die anderen Menschen an, bilden uns Urteile und bewerten Situationen.  Oft nehmen wir unser Abendessen während des Fernsehens ein und selbst wenn wir abends entspannt ein Bad nehmen, ist oft immer irgendeine Art der Ablenkung dabei. In der heutigen Zeit meist das Tablet oder das Smartphone.
Und dann hören wir uns am Ende des Jahres immer wieder sagen: „Meine Güte, das Jahr war wieder so schnell vorbei, man kriegt ja kaum noch was mit“ … Ja ist es denn ein Wunder???

Zeitgleich häufen sich auch in meiner Praxis die Fälle von überdrehten, aufgeregten, nervösen, aggressiven, gestressten Hunden. Hm … ein Schelm wer da einen Zusammenhang vermutet?

Nun aber vorab: Was ist Achtsamkeit? Warum ist sie so wichtig? Was verändert sich durch erhöhte Achtsamkeit in unserem Umfeld, unseren Mit-Lebewesen und somit auch unseren Hunden? Wie können wir mehr Achtsamkeit entwickeln?

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist eine im Augenblick ruhende, nicht urteilende Aufmerksamkeit. Achtsamkeit bedeutet, dass man das, was man im Moment gerade tut, aufmerksam beobachtet und nichts anderes tut, als eben das, was man gerade tut. Achtsamkeit bedeutet auch, dass man sich BEWUSST ist, was man gerade tut, sagt, denkt, wahrnimmt, schmeckt, riecht, fühlt, sieht usw.

Warum ist Achtsamkeit so wichtig?

Nun ja… wie Eingangs bereits beschrieben, hetzen wir von einem zum anderen, machen vieles gleichzeitig und doch nichts richtig. Wir sind oft gestresst, erschöpft, unaufmerksam. Schaffen wir es nicht, uns kleine Inseln zu schaffen, in denen wir zur Ruhe kommen, in denen der Geist und die Sinne zur Ruhe kommen können, kann es passieren, dass wir Krankheiten ausbilden, Depressionen entwickeln, Gefahr laufen in einen Burn-Out zu schlittern. Wir können zunehmend gereizt und aggressiv reagieren. Wir haben dann oft das Gefühl, dass unendlicher Druck auf uns lastet und wir finden oft keinen Weg heraus aus dieser Spirale.
Das hat natürlich auch Auswirkungen auf unser Umfeld, auf unsere Beziehungen, Freundschaften, Partnerschaften – und dazu zähle ich auch die „Partnerschaft“ mit unseren Hunden.

Was verändert sich durch erhöhte Achtsamkeit

Alles. Wir beginnen uns anders wahrzunehmen. Wir nehmen unsere Umwelt anders wahr. Wir können mit einiger Übung inmitten von großen Menschenmengen die Stille hören. Wir wirken anders auf unsere Mit-Lebewesen, gesammelter, fokussierter, ruhiger, angenehmer und somit verändern wir auch sie ein Stück weit mit. Wir werden bessere Zuhörer und somit auch bessere Freunde, Partner, Kollegen. Wir beginnen unsere Arbeit sorgfältiger zu tun. Selbst der Hausputz bekommt eine andere Wertigkeit. Letztendlich kann uns eine erhöhte Achtsamkeit zu entspannteren Menschen machen und wir können Stressbedingte Krankheiten verhindern, heilen oder lindern.

Wie können wir mehr Achtsamkeit entwickeln?

Ja, wenn wir auf einen Schlag aus unserem gewohnten Trott heraus glauben, wir könnten ab Morgen sofort achtsam mit allem sein, dann kann das ziemlich ernüchternd werden. Manche Dinge zu lassen, während wir etwas tun, kann fast schon einem Entzug gleichen. Wer immer laute Musik hört, während er im Wald unterwegs ist und joggt, der kann sich mitunter sehr sehr unwohl fühlen, wenn er beschließt, auf einmal den Knopf weg zu lassen. Oder wer immer auf dem Handy herumtillert während er mit seinem Hund Gassi geht – dem kann es ebenso ergehen. Aber das ist ja schon mal ein eindeutiges Zeichen, dass es wirklich und wahrhaftig an der Zeit ist, etwas zu ändern ;-)

Es wird den meisten Menschen sehr schwer fallen, plötzlich alles umzukrempeln. Deswegen gibt es verschiedene Methoden und Wege, seine Achtsamkeit zu trainieren. Jeder in seinem Tempo. Nichts ist ein Muss und jeder darf selber entscheiden, wie er beginnt und was für ihn der passende Weg ist. Wichtig ist, dass man sich täglich darauf besinnt. Und wenigstens ein paar Minuten übt. Das darf gerne auch in ganz kleinen Schritten sein. Wichtig ist, dass man es tut. Es geht ganz leicht J

 

Wir beginnen Achtsam(er) zu sein:

Essen/Trinken:
Wenn Du Lust auf ein Stück Schokolade hast, mache die Tafel sorgsam auf. Breche Dir ein Stück heraus und sieh es Dir an. Rieche daran. Was riechst Du? Nehme es in den Mund und lasse es auf der Zunge zergehen. Was schmeckst Du? Wie fühlt es sich an? Schließe ruhig die Augen dabei…
Das kannst Du mit allem tun, was du Essen möchtest (OK im Restaurant würde ich aus Rücksicht dem Koch gegenüber darauf verzichten, am Essen zu riechen ;-) )
Vielleicht schaffst Du es bald, eine Ganze Mahlzeit bewusst zu genießen. Natürlich verzichtest du dabei auf das Handy und die Tageszeitung ;-)

Gehe durch den Wald:
Was hörst Du? Vögelzwitschern? Mäuschen fiepen? Irgendwo knackt es? Ein Zapfen fällt vom Baum? Ein Specht? Rascheln von Blättern?
Was siehst Du? Nehme bewusst wahr, wie es um Dich herum aussieht. Das Moos im Wald und seine wunderbare Farbe. Wieviele verschiedene Grüntöne siehst du? Wieviel Braun? Kannst du Spuren der Waldbewohner sehen?
Was riechst Du? Riecht es nach Regen? Wie riecht es an heißen Tagen? Kannst du Pilze riechen? Oder vielleicht sogar bestimmte Tiere? Riechst du das Holz? Riechst du sogar verschiedene Holzarten?

Gehe durch die Stadt:
Was hörst, riechst, siehst du? Was fühlst Du? Wenn es zu laut wird, richte Deine Achtsamkeit auf etwas „Stilles“ , einen Baum, einen Fluss etc. Versuche das Rascheln der Blätter im Baum zu hören, sehe dem Spiel des Wassers nach … mit etwas Übung wirst du merken, es wird stiller um Dich herum. Du wirst stiller…

Beim Spaziergang mit dem Hund:
Für was interessiert er sich? Wo bleibt er stehen? Was sieht er? Zeige Interesse für das, was er wahrnimmt. Hunde zeigen von Haus aus Interesse an dem, was wir tun und wahrnehmen, leider geht das für uns oft unter oder wir sind zu „außenfokussiert“ und werden somit „uninteressant“ für  unseren Hund und er beginnt sein eigenes Ding zu machen. Zeigen wir ihm, dass wir MIT ihm zusammen unterwegs sind. Es ist UNSERE gemeinsame Zeit. Wir können zum Beispiel, wenn wir gerne Pilze suchen, unseren Hund darauf aufmerksam machen, dass wir etwas suchen. Ganz ruhig und ohne Hektik. Er wird bald merken, dass wir auf etwas „fokussiert“ sind (ich bin leidenschaftlicher Pilzsammler, das hat etwas von Meditation für mich … Achtsam durch den Wald streifen. Mein Hund merkt mittlererweile, wenn ich „diesen Blick“ bekomme und verhält sich ganz anders. Er wird ruhig, behält mich im Auge und freut sich, wenn ich fündig geworden bin. Das geht ganz ohne Worte ….) Ähnlich, wie Hunde, wenn sie ihre Umgebung nach jagbarem „scannen“. Das weckt Aufmerksamkeit. Unseren Fund können wir unserem Hund zeigen und uns freuen, dass er sich dafür interessiert. Er wird irgendwann beginnen, auch UNS die Dinge anzuzeigen, die ER spannend findet. Hier sollten wir uns ebenso ehrlich mit ihm freuen, ihn toll finden und uns für das, was er uns zu sagen hat, interessieren. Probiert es einfach einmal aus ;-)

Wenn Du bereits merkst, wie gut es tut, für einen Moment oder während einer bestimmten Tätigkeit voll und ganz im Augenblick zu sein, ohne in Gedanken den Einkaufszettel durchzugehen oder an das Gespräch mit dem Chef morgen denken oder über den Ärger mit dem Partner nachzudenken, kannst Du einen Schritt weiter gehen und Dir für jeden Tag der Woche ein anderes Thema suchen. Wenn das  zuviel erscheint, nimm Dir das Wochenende, oder jeden zweiten Tag. Oder nehme Dir bewusst jeden Tag eine bestimmte Uhrzeit und versuche es 2-3 Stunden. Ganz nach Deinem Tempo.

Das geht so:

Ein Tag: Schmecken (nehme alles, was du isst und trinkst bewusst wahr)
Ein Tag: Riechen (nehme alle Gerüche bewusst wahr)
Ein Tag: Fühlen (nehme alle Deine Gefühle bewusst wahr, bewerte sie nicht. Lass sie einfach sein)
Ein Tag: Farben (nehme alle Farben, die du siehst bewusst wahr. Welche Nuancen gibt es? Was hat alles die selbe Farbe?)
Ein Tag: Sprechen (achte bewusst auf das was du sagst. Vermeide bewusst negative Formulierungen, beleidige niemanden, greife niemanden an, sprich nicht zu laut)
Ein Tag: Hören (welche Geräusche hörst du? Achte bewusst auf alles, was du hören kannst. Versuche die Stille zwischen den Geräuschen zu hören, wenn es dir plötzlich zu laut wird)
Du kannst die Liste beliebig weiterführen.

Ich habe hier eine schöne Seite im Netz mit einer Menge weiterer Übungen gefunden, für alle, die auf den Geschmack gekommen sind:
http://www.zeitblueten.com/news/achtsamkeitsuebungen/

Viel Spaß beim Üben und Ausprobieren! Für ein entspannteres Mit-Einander

Eure Sabine Wöhner
(c) 2016


Ein in der Meditation erfahrener Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so gesammelt sein könne.

Dieser sagte:

Wenn ich stehe, dann stehe ich,
wenn ich gehe, dann gehe ich,
wenn ich sitze, dann sitze ich,
wenn ich esse, dann esse ich,
wenn ich spreche, dann spreche ich…
Da fielen ihm die Fragesteller
ins Wort und sagten:
Das tun wir auch,
aber was machst du noch darüber hinaus?
Er sagte wiederum:
Wenn ich stehe, dann stehe ich,
wenn ich gehe, dann gehe ich,
wenn ich sitze, dann sitze ich,
wenn ich esse, dann esse ich,
wenn ich spreche, dann spreche ich …
Wieder sagten die Leute:
Das tun wir doch auch.
Er aber sagte zu ihnen:
Nein,
wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon,
wenn ihr steht, dann lauft ihr schon,
wenn ihr lauft,
dann seid ihr schon am Ziel .

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