Der Hund auf der Jagd

jasko_renntAus aktuellem Anlass und auf vielfachen Wunsch, hier eine Zusammenfassung über das Jagen im Allgemeinen :-)

Jagen gehört zum natürlichen Verhaltensrepertoire von Hunden!

Das Jagen  gehört zum normalen Hundeverhalten. Wildlebenden (Raub-)tieren dient es zur Nahrungsbeschaffung und ist für sie lebensnotwendig.
Dazu kommt, dass Jagdverhalten ein selbstbelohnendes Verhalten darstellt
(wir reden ausdrücklich von „Verhalten“ und nicht von „Trieb“ – Jagen ist eine erstklassige Verhaltenskette, die aus drei großen Sequenzen:

  • Appetenz
  • Taxis
  • Endverhalten

besteht, die sich ihrerseits je nach Rasse wiederum in kleinere Einzelsequenzen zerlegen lassen).

Diese selbstbelohnende Komponente ist durchaus sinnvoll! Wölfe oder verwilderte Haushunde sind darauf angewiesen, sich Teile ihrer Nahrung zu „erjagen“. Natürlich haben sie nicht bei jeder Jagd Erfolg und wenn alles nach dem Prinzip „Verhalten, welches nicht zum Erfolg führt, wird auf längere Sicht hin seltener und letztendlich eingestellt “ funktionieren würde, müssten Wölfe oder andere Hunde und Hundeartige, die nur überleben können, wenn sie jagen gehen, irgendwann einmal damit aufhören – und Verhungern.
Dadurch, dass sich jede einzelne kleine Komponente des Jagdverhaltens stets selber belohnt, wird das Überleben gesichert….

 

WAS ist Jagdverhalten und was nicht? Verhaltensbiologische Betrachtungen:

Das Jagdverhalten erfüllt das „Prinzip der doppelten Quantifizierung“, das heißt:

  • es gibt IMMER innere und äußere auslösende Faktoren bzw. die innere Bereitschaft, nach äußeren Faktoren zu suchen.
  • diese inneren Faktoren können z.B. auch vom Ernährungszustand abhängen, ist bei unseren gut ernährten Haushunden jedoch nicht relevant.
  • Natürlich spielt die Rasse eine Rolle – und auch andere Faktoren, wie z.B. Stress

 

Wie schaut es mit dem „Trieb“ aus?

die Bezeichnung Trieb trifft es nicht wirklich. Ein Trieb setzt immer voraus, als wäre ALLES von innen motiviert und man unterstellt, dass dagegen nichts getan werden könnte. (Trifft ebenso auf den Beutetrieb, Schutztrieb usw. zu… biologisch gesehen, ist die Bezeichnung „Trieb“ für diese Verhaltensweisen nicht korrekt. Ebenso ist es nicht richtig, dass es so etwas wie einen „Triebstau“ geben könnte, der sich dann irgendwohin entladen müsste… ) Eine korrektere Bezeichnung wäre „Handlungsbereitschaft“. Handlungsbereit ist ein Hund, der (mehr oder weniger) bereit ist, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen.

Es gibt für den Hund durchaus die Möglichkeit zur freien Entscheidung!

 

Fazit: Es gibt keinen Jagdtrieb, da

  • nicht alle Elemente des Jagdverhaltens von innen gesteuert werden, sondern von einem auslösenden Reiz (Sicht, Fährte, Geräusch etc.) ausgelöst werden
  • Jagdverhalten besteht aus mehreren aufeinanderfolgenden Sequenzen -> Handlungskette
  • bestimmte Bestandteile des Verhaltens werden von 1 Gen gesteuert -> erblich
  • alle Arbeitshunde (ALLE) beruhen auf einer Selektion des Beutefangverhalten. Ausnehmen kann man unter Umständen Herdenschutzhunde und Schlittenhunde. Was aber nicht heißt, dass diese Hunde nicht jagen würden. Es hat lediglich bei der Selektion keine Rolle gespielt

Ein „Trieb“ ist von innen gesteuert und braucht keinerlei Anstoß im Außen, um ins Laufen zu kommen. Gegen einen Trieb kann NICHTS gemacht werden. Hätten die Hunde einen Jagdtrieb, könnten wir niemals damit arbeiten, z.B. den Hund dazu bringen, dass er sich dafür entscheidet, lieber mit uns weiterzugehen, nachdem er der verlockenden Spur ein paar Meter nachgehen durfte.

Verhalten braucht einen äußeren Anstoß. Also irgendetwas im Außen, was das Verhalten auslöst. Ohne eine läufige Hündin in der Gegend, würde das Sexualverhalten des Rüden nicht angeschoben werden. Ohne eine Wildfährte/den Anblick von Wild usw. würde das Jagdverhalten nicht angeschoben werden. Was ja auch wirklich Sinn macht. Würde ein wild lebender Hund (oder Wolf) permanent im Dauerjagd“trieb“ stehen, würde er soviel Energie verblasen, dass er, wenn es darauf ankommt, nicht mehr genug davon zur Verfügung hätte, um erfolgreich zu jagen.

Nun gibt es Hunde, die stehen draußen unter Dauerstrom. Bei „Nasenhunden“ ist das oft kein Wunder, wenn man doch permanent von vielen verlockenden Gerüchen, die das Jagdverhaltenanstoßen, umgeben ist. Bei Sichtjägern (wie auch Hütehunden) ist ein übersteigertes „Suchen“ nach etwas Jagdbarem oft ein Zeichen von Unter- oder Überforderung. Solche Hunde bauen durch das Hetzen oft Stress ab und fangen, sind sie gelangweilt oder gestresst, oft an, die Gegend  abzusuchen. Da reicht oft schonein Knacken im Unterholz, damit sie das Hetzen starten. Einfach den Hund beobachten, wenn erdiese Problematik zeigt. Vielleicht hatte er schon Erlebnisse oder Begegnungen, die Stress oderÜberforderung in ihm ausgelöst haben. Hier sollte man erst an den Stressauslösern arbeiten, bevorman alles in die Kiste „der jagt“ steckt. Und auch das hat nichts mit „Trieb“ zu tun. Eher mit einer vom Hund erwählten Strategie mit seinen „Problemen“ klar zu kommen.

Ich habe auch schon oft „Nasenhunde“ im Training gehabt, die sich, wenn sie überfordert, unsicher, aufgeregt oder in einer ähnlichen Situation befunden haben, sich in ihre Nasenwelt gestürzt haben. Sind die Hunde auf einer Fährte, dann blenden sie alle anderen Sinnesorgane aus. Kennt jeder. Wenn man ein spannendes Buch liest oder vertieft auf Facebook liest und schreibt, kann der anwesende mit uns lebende Zweibeiner uns erzählen, was er will, wir bekommen zwar oft mit, dass da was gesagt worden ist, jedoch oft nicht WAS.
Übersteigertes Suchen nach Fährten oder anderen Spuren, Mauselöchern usw. kann also durchaus eine Strategie des Hundes sein, seine – in dem Moment – überfordernde Außenwelt einfach auszublenden.

Fehlgeleitetes Jagdverhalten kann sein:

  • Menschen hüten
  • Artgenossen packen
  • Mobbing unter Hunden ist oft fehlgeleitete Rudeljagd
  • wird nicht in jeder Situation neu gestaltet – und ist nicht leicht zu unterbrechen!
  • ist nicht hormonell zu beeinflussen, nicht durch Management und nicht durch Ernährung!

Die Verhaltenskette „Jagen“ aus ethologischer Sicht:

1. Suchverhalten: „Appetenz“

Orten und Fixieren – Wild suchen: Stöbern, Spüren, Schauen, Horchen, Erstarren, Vorstehen, Lauern

Mit allen Sinnesorganen wird gesucht, alle Sinne sind geschärft

  • ungerichtetes Suchverhalten (Auge, Nase, Gehör ->Scannen)
  • innere Handlungsbereitschaft ist sehr hoch

2. Ausrichtung auf Reiz:  „Taxis“

Anpirschen und Hetzen – Wild fangen:  Der Spur folgen, das Wild verfolgen, umkreisen

  • Hund richtet sich auf auslösenden Reiz aus (Fährte, Vogel, abgehendes Wild)
  • andere Sinnesorgane werden „abgekoppelt“ – Hund „hört“ nichts mehr
  • Empfindlichkeit auf Berührung nimmt rapide ab

3. Endhandlung

Angreifen, Töten, Totschütteln, Hals oder Nacken aufreißen, vor Ort fressen, vergraben oder zum Bau schleppen

  • gerichtetes Suchverhalten
  • Packen
  • Töten
  • Fressen

Charakteristisch für eine Verhaltenskette ist, dass das nachfolgende Element erleichtert, das zurückliegende erschwert wird.
Ist der Hund im gerichteten Suchverhalten, wird man ihn schwerlich zum ungerichteten Suchen bewegen können. Hier sind Hunde oft so „ausgerichtet“, dass sie ins Auto rennen können usw. ….

Anmerkungen:

  • Je weiter der Hund in der Kette gekommen ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Hund Erfolg hat (denkt der Hund). Aus diesem Grund wird es schwieriger, je weiter die Verhaltenskette fortgeschritten ist, den Hund zu kontrollieren oder umzulenken.
  • Die Frustrationstoleranz ist am Anfang der Verhaltenskette noch sehr hoch – da die Aussicht auf Erfolg recht gering ist
  • Spätere Kettenglieder sind sehr von den Außenreizen gesteuert, während die ersten Teile der Kette mehr von der Handlungsbereitschaft gesteuert sind
  • Es gibt kaum verwilderte Haushunde, die Großtiere jagen!! Verwilderte Hunde leben von Müll und Kleintieren. Großtiere benötigen zu viel Energie
  • Haushunde haben diese Energie!! Sie werden gut gefüttert und oft nicht entsprechend  oder falsch ausgelastet. Haushunde wägen nicht mehr ab, wozu sie ihre Energie verschwenden. Es geht um das Rennen um des Rennens willen. Kein Affe joggt :-)
  • Mäusejagd: ist ein anderer Bewegungsablauf als der vom klassischen Jagdverhalten. Die Sequenzen wie z.B. das Hetzen und das Verfolgen einer Fährte entfallen fast ganz komplett. Durch Mäusejagen wird das höhere Jagdverhalten NICHT gefördert und verstärkt. Aber – es macht den Hund glücklich ;-)
  • Jagdverhalten hat nichts mit Bindung zu tun – aber durch eine gute Bindung kann man den Kontakt zu seinem Hund eher herstellen und ihn evtl. überzeugen , nicht zu jagen oder seinen Menschen einzubeziehen….

Biochemische Zusammenhänge (stark vereinfacht)

Adrenalin:

  •  wird bei sportlichen Tätigkeiten ausgeschüttet
  • benötigt zum Aufbau Dopamin
  • zuviel Adrenalin wird zu Dopamin und Noradrenalin zurückgeführt

Dopamin:

  • ist ein Lernverstärker
  • versetzt den Hund in freudige Erwartung
  • der nächsten „auslösenden“ Situation wird in Zukunft sehr freudig Gegenüber gestanden

Noradrenalin:

  • Ist nötig für die „Endhandlung“ der Verhaltenskette. Ohne genügend Noradrenalinkeine Bereitschaft, mit der „Beute“ zu kämpfen

 

Jagen und Aggression:

Jagen ist KEINE Aggression!

Interessanterweise sind die Teile des Gehirns, die das Jagen auslösen, die gleichen, die eine Epilepsie auslösen können.
Das Jagen (und/oder fangen) von (imaginären) Fliegen oder Schatten ist oft ein Früherkennungszeichen für eine latent vorhandene Epilepsie.
Ebenso sind die gleichen Botenstoffe daran beteiligt.

Acetylcholin (steuert die Muskeltätigkeit)

eine Hemmung wird durch Schädlingsbekämpfungsmittel für Wirbellose ausgelöst. Erwischt ein Hund zu viel davon, kann er ein gestörtes Beutefangverhalten entwickeln. Das seitliche Zwischenhirn (seitlicher Hypothalamus) steuert die Muskulatur.

Wo findet was statt?

Jagd:

  • seitl. Zwischenhirn
  • Hirnstamm
  • Muskulatur

(Ziel: Verringerung der Individualdistanz, Packen, Töten)

Aggression:

  • Hirnboden
  • Limbisches System
  • Hormondrüsen

(Ziel: Distanzvergrößerung, Störenfried vertreiben)

Empfehlenswerte Literatur zum Thema Jagdverhalten

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