Kann man Angst belohnen?

Verhalten

7. Dezember 2012

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Die kommenden Feiertage sind für viele Hundebesitzer nicht nur Grund zur Freude… Das herannahende Silvester erinnert einen wieder daran, wie sehr viele unserer Lieblinge doch große Angst vor dem Knallen, Pfeifen und Sirren zu dieser Zeit haben.
Wo früher kurz vor und kurz nach Mitternacht geknallt wurde, hat sich dieser Zeitraum vielerorts extrem verlängert – oft fängt es schon am frühen Nachmittag an und die letzten Knaller hört man bis weit in den Neujahrsmorgen hinein.

Was ist Angst?

In der Umgangssprache verwenden wir gerne das Wort „Angst“ für alle möglichen auftretenden Verhaltensweisen bei denen unsere Hunde deutliches Unbehagen (Speicheln, Hecheln, Unruhe, Verstecken, Jaulen, Bellen, Zittern, Klammern, Schweißfüße  usw…) zeigen. Grundsätzlich kann man aber drei Formen unterscheiden, die alle unter dem Überbegriff „Angst“ zusammengefasst werden:

1. Angst

  • ein Gefühl der tiefen „Besorgnis“
  • Gefühl, etwas Schlimmes könnte sich ereignen
  • oft kein erkennbarer Auslöser, kein erkennbarer Reiz
  • hängt nicht von der Gegenwart einer bestimmten Sache ab

Angst ist häufig das Ergebnis von Erfahrungen, die ein Lebewesen in der Vergangenheit gemacht hat. Das kann der Angriff eines Artgenossen sein, der dazu führt, dass der Hund sich auf dieser Strecke verstärkt wachsam und in Alarmbereitschaft zeigt, oder auch ein bestimmter Tonfall (s)eines Menschen, dem eine negativ belegte Handlung gefolgt ist und der in Zukunft eine solche „Besorgnis“ beim Hund auslösen kann.

2. Furcht

  • entsteht durch die tatsächliche Gegenwart einer Sache oder Person
  • hat immer einen konkreten Auslöser
  • ebenfalls ein Gefühl der Besorgnis

Hunde fürchten sich oft vor Dingen, die sie nicht kennen. Das ist instinktiv und soll sie vor einer eventuell drohenden Gefahr schützen.

3. Phobie

  • steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung
  • lässt keinen klaren Gedanken mehr fassen
  • hat oft sehr krasse Reaktionen zur Folge (Selbstverstümmelung, extreme Zerstörungswut, blindes Weg- oder Umherrennen)
  • kann selbstzertörerisch und/oder gefährlich für andere werden

Phobien treten in der Regel ganz plötzlich ein. Furcht entwickelt sich eher schrittweise. Der Hund muss oft nur einmal dieser Situation ausgesetzt sein, um eine Phobie zum Ausbruch zu bringen.

 

Ohne näher darauf eingehen zu wollen, möchte ich kurz die Ursachen benennen, die zu Ängsten führen können:

Ursachen der Angst

  1. Genetik/Epigenetik
    Alle Lebewesen werden mit einem „Bauplan“ geboren, der einen Rahmen vorgibt, in welchem sich bestimmte Eigenschaften bewegen.
    Nicht von der Hand zu weisen sind jedoch die Auswirkungen, die vorgeburtliche Einflüsse auf die Entwicklung eines Lebewesens haben können.
    Stressfaktoren der Mutter während der Trächtigkeit können genau wie ungünstige nachgeburtliche Bedingungen einen lebenslangen Einfluss auf die Art und Weise haben, wie Hunde mit Stress, Belastung oder angstauslösenden Situationen umgehen können.
  2. Mangelnde Sozialisation
    es ist vollkommen normal, dass junge Hunde vor unbekannten Situationen Angst haben. Das soll sie schützen. Dieser Instinkt kann jedoch unterdrückt werden, indem man seinen Welpen früh genug an alle möglichen Alltagssituationen gewöhnt. Dazu gehören andere Menschen, Hunde, Gegenstände, Geräusche, Gerüche, Augofahren und eben all das, was der Alltag so bieten kann.
    Bitte achten Sie dabei jedoch unbedingt darauf, den Welpen nicht zu überfordern. Kein Welpe muss stundenlang am Bahnhof stehen oder sich auf dem lauten Volksfest von allerlei Händen begrabschen lassen – und das auch noch bei für Hundeohren – wahnsinnigem Lärm. Überfordern Sie Ihren Welpen nicht hoffnungslos – auch auf Dauer nicht bewältigbare Situationen lösen Stressreaktionen beim Hund aus, die durchaus auch zu einer Angst/Phobie führen können.
  3. Misshandlung
    kommt leider vor. Misshandelte Hunde können extrem emfpindlich auf Hand- oder Fußbewegungen reagieren – oder auf Stöcke usw.
  4. Schlechte Erfahrungen
    sind oft so stark, dass sie das Verhalten stark beeinflussen können. Es kann ein unvermitteltes Geräusch sein, vor dem sich der Hund so erschreckt, dass alles Laute, Schrille usw. in Zukunft Angst auslösen kann. Negative Erfahrungen mit anderen Hunden im Welpenalter gehören hier genau wie Unfälle mit dazu, dass sich ein Angstproblem entwickeln kann.
  5. Assoziierte Ängste
    Dr. Udo Gansloßer hat hierzu einmal ein sehr anschauliches Beispiel gebracht: „Hat ein Hund Angst vor gelben Gummistiefeln, muss es nicht zwingend heissen, dass er von jemandem mit gelben Gummistiefeln getreten worden ist. Es kann ihm jemand mit einer vollkommen anderen Schuhfarbe aus Versehen auf den Schwanz getreten sein, während das Postauto vorbeigefahren ist“.
    Die Quintessenz aus dieser Aussage ist: es ist oft ein mühseliges Puzzlespiel, durch erlernte Assoziationen verursachte Angsreaktionen zu entschlüsseln, da sich uns oftmal nicht erschließt, warum unser Hund plötzlich die eine oder andere Angst zeigt. Kennt man allerdings den Grund, sind assoziierte Ängste gut aufzulösen.
  6. Schmerzen und/oder Krankheit
    Erkrankungen des Bewegungsapparates führen oft dazu, dass die Hunde sich an bestimmten Stellen nicht mehr streicheln lassen wollen oder sich sträuben ins Auto einzusteigen. Auch nachlassende Sinnesleistungen (Ohren, Augen) können für eine plötzlich auftretende Angst verantwortlich sein, da sich solche Hunde häufiger erschrecken. Manche Krankheitsbilder gehen mit Unsicherheit einher, wie zum Beispiel die Schilddrüsenunterfunktion.
    Bei plötzlich auftretenden Angstreaktionen empfiehlt sich oft, einen Tierarzt aufzusuchen. Hat man die Ursache erkannt, kann man das Wohlbefinden des Hundes durch entsprechendes Handling und/oder Medikamente oft beträchtlich steigern.

Wie die Angst nehmen?

1. Training

Hier gibt es kein Geheimrezept. Es ist immer gut zu wissen, welche Art von Angst Ihr Hund zeigt und woher sie kommt, um daran arbeiten zu können.
Bei einer genetisch fixierten Angst, wird man sich nur im „vorgegebenen“ Rahmen bewegen können. Mangelnde Sozialisation kann man gut durch behutsame Gewöhnung an die Furchtauslösenden Reize ausgleichen, misshandelten Hunden hilft man oft durch viel Liebe, noch mehr Geduld und dem Aufbau eines soliden Vertrauensverhältnisses. Hat Ihr Hund ein Trauma hilft oft ein Gegenkonditionieren und erlernte Ängste können auch wieder verlernt werden.

In jedem Fall wenden Sie sich aber bitte an einen guten Hundetrainer/Hundepsychologen, der Sie unterstützen kann und Ihnen mittels den Werkzeugen der positiven Verstärkung zeigt, wie Sie ihrem Hund die Ängste nehmen oder abschwächen können.
Druck („da muss er jetzt eben durch“), Aversive Methoden (ja, es gibt tatsächlich „Kollegen“, die begegnen einer Angstreaktion ihrerseits mit Gewalt, z.B. bei einer angstmotivierten Aggression) und das Ignorieren von Ängsten bringen hier genauso wenig (ausser wahrscheinlich „nur“ einen Bruch im Vertrauen, zwischen Ihnen und Ihrem Hund, welches natürlich zusätzlich erschwerend auf die Gesamtsituation wirkt), wie das strikte Vermeiden dieser Situationen.

Werkzeuge können unter Anderem sein:
(weiterführende Erklärungen folgen gesondert)

  • Markertraining – mit Aufbau von Alternativverhalten
  • Entspannungstraining
  • Zeigen und Benennen
  • und in jedem Fall immer: Liebe, Geduld, Verständnis und Vertrauen :-)

2. Nahrungsergänzung/Medikamente/andere Hilfsmittel

Hier möchte ich vorneweg unbedingt anmerken, dass die Gabe von bestimmten Nahrungsergänzungsmitteln oder Medikamenten auf keinen Fall ein Training ersetzen können. Manchmal sitzen die Ängste jedoch so tief, dass die Hunde in dieser Situation nicht trainierbar sind. Stellen Sie sich vor, Sie sind ganz schlecht in Mathematik und müssten für Sie nur schwer bewältigbare Aufgaben lösen, während Ihnen jemand eine Pistole an den Kopf hält. Das ist einfach nicht möglich. Lebewesen können unter großem Stress und unter Angst NICHT lernen! Erfolgreiches Lernen benötigt eine entspannte Umgebung – und dabei kann eine bestimmte Medikation den Einstieg sehr erleichtern. Hierzu fragen Sie bitte den Tierarzt Ihres Vertrauens.

Mögliche Hilfsmittel:
(auch hierzu wird es in naher Zukunft ein gesondertes Kapitel geben)

  • Bachblüten (Rescue-Tropfen)
  • Massage/Körperbandagen
  • Thundeshirt/Calming Cap
  • Homöopathie
  • Akkupunktur/Akkupressur
  • Nahrungsergänzung (Zylkene, RelaxPlus, Calmex usw.)
  • Medikamente (verschreibungspflichtig)
  • Adaptil (DAP)
  • Ernährungsumstellung
  • Aromatherapie

Wie ist das jetzt mit dem Belohnen von Angst?

Um zurück zum Ausgangsthema zu gelangen – wie ist das denn jetzt nun? Kann man Angst durch  Aufmerksamkeit verstärken?
Viele Hundehalter haben sicher schon gehört, dass sie ihren Hund komplett ignorieren sollen, wenn er in einer für ihn bedrohlichen Situation bei ihnen Schutz suchen möchte. Geht man auf seinen Hund ein, würde man ihm vermitteln, dass das, wovor er Angst hat, tatsächlich ganz furchtbar bedrohlich ist.
Das stimmt nicht!!!!
Wie würden Sie sich fühlen, wenn man Sie in einer für Sie schlimmen Lage einfach stehen lassen würde? Oder weggeht, wenn Sie Schutz bei einer Ihnen nahestehenden und sozial wichtigen Person suchen? Das Einzige, was sich dabei verstärkt, ist die Gewissheit, dass man Sie mit Ihren Ängsten alleine lässt und dass sie sich auf diejenige Person wohl doch nicht so verlassen können, wie bislang angenommen…

Besser, als ich es je beschreiben könnte, trifft es ein Auszug aus einem Buch („Trafen sich zwei“) von einer meiner Lieblingsautorinnen – Patrica McConnell. Dieser Text wurde von „Cairn-Energie“ mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt und ich möchte gerne darauf verweisen.
Haben Sie einen ängstlichen Hund und stehen Sie wie jedes Jahr vor dem Problem „Silvester“ – lesen Sie ihn – es lohnt sich!
Zum Artikel

 

Interessiert Sie dieses Thema und möchten Sie gerne weiterlesen?
Mehr Informationen und Strategien finden Sie in diesem Buch von Nicole Wilde: „Der ängstliche Hund“

 

 

One Response to “Kann man Angst belohnen?”

  1. Mohammad D. Miller sagt:

    i’ve read this before, but still interesting.

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