Das Ding mit der Vermenschlichung #1

English-Cocker Spaniel im AusgehdressImmer wieder bekommen Hundehalter zu hören: „Sie vermenschlichen Ihren Hund!“, „Sie dürfen so und so nicht mit ihrem Hund umgehen, sonst wird er zu sehr vermenschlicht“ usw. usf.
Solche Aussagen verwirren den unbedarften Hundehalter ebenso, wie sie den Profi ärgern. Was ist Vermenschlichung? Wie und wo findet sie statt? Und warum? Ist es für den Hund schädlich, vermenschlicht zu werden?

Folgender Artikel hofft, diese Fragen beantworten zu können und vielleicht zu helfen, das Thema „Vermenschlichung“ aus anderen Aspekten in der Mensch-Hund-Beziehung zu beleuchten.

Eine kleine Definition

Grundsätzlich bedeutet „Vermenschlichen“ ja, dass menschliche Reaktionen auf den Hund übertragen werden. Das kann im körperlich/physischen Bereich und im geistig/psychischen Bereich stattfinden.
Klar ist schon mal, dass biochemische und hormonelle Vorgänge in den Körpern von Säugetieren durchaus ähnlich/vergleichbar/gleich sind. Ebenso ist es mittlererweile erwiesen, dass Hunde – JAWOHL – auch Gefühle haben und sie zeigen. Zwar rudimentärer und nicht so komplex wie wir Menschen, aber deswegen in keinster Weise abzuwerten oder gar zu negieren. Aber dazu später mehr.

Zuerst einmal  Ergebnisse einer vor Jahren durchgeführten Umfrage zu diesem Thema:

Umfrage: Was schätzen Hundehalter am meisten an Ihrem Hund?

(Erwachsene) Menschen glauben, dass ihr Hund ein angenehmer Freund ist, weil er angeblich

  • nicht lügt
  • nicht kritisiert
  • nicht widerspricht (zeugt von sehr wenig Hunde-Ahnung :-)  )
  • ein treuer und ergebener Begleiter des Menschen ist
  • ehrlich ist

Hunde haben angeblich

  • ein höheres Maß an Mitgefühl
  • Empathie
  • Sensibilität

Für Kinder hat der Hund zumeist folgende Bedeutung:

  • Hund freut sich immer, wenn man kommt
  • Spiegel der eigenen Emotionen
  • Sorgenpartner
  • Spielpartner, Kumpel, Gassipartner
  • Es wird ein großer Unterschied zwischen eigenem und fremdem Hund (Nachbarshund) gemacht

Je höher die Intensität der emotionalen Bindung an den Hund ist (wohlgemerkt  in Richtung Mensch → Hund), desto mehr „Vermenschlichung“ findet statt. Bei der Umfrage kam auch zum Tragen, dass gerade alleinstehende, ältere Menschen (verwitwete im Besonderen) in sehr großem Maße Vermenschlichung ihrer Haustiere zeigen. Allerdings oft in ungesundem Maße. Dazu wieder später mehr :-)

 1. Vermenschlichung in der Familie / psychische Vermenschlichung

  • In vielen Familien bekommt der Hund mehr – auch körperliche – Zuwendung als die Familienmitglieder
  • Hund wird zum emotionalen Blitzableiter oder zur emotionalen Empfangsstelle
  • In den meisten Familien wird der Hund häufiger angesprochen, als die Familienmitglieder
  • zu häufig werden Verhaltensweisen von Hunden gefordert, die vom Hund NICHT LEISTBAR sind (z.B. kann man Jagdverhalten NICHT einfach so abschalten!!)
  • Hunde werden in Rollen gedrängt, am häufigsten von Menschen, die Schwierigkeiten haben, emotionale Bindungen zu anderen Menschen aufzunehmen. Diesen Menschen wird es auch NICHT gelingen, eine innige Bindung zu ihrem Hund zu erlangen Enttäuschungen sind vorprogrammiert

achtung

Diese Befunde können als sehr erschreckend bezeichnet werden, da sie belegen, dass der Hund sehr oft Beziehungsreparatur leisten muss!
Diese Rolle kann und möchte der Hund von seiner Biologie nicht leisten!!
Er ist NICHT interessiert daran, in Konfliktfällen plötzlich das Beziehungsgefüge zu reparieren!

 

Wie sind Konflikte in der Familie aus Sicht des Hundes zu bewerten?

  • Hunde haben ein sehr hohes Harmoniebedürfnis! In der Gruppe sollen alle miteinander auskommen

checkHunde haben ein echtes Problem mit Krisen und Konflikten im Famlienverband (ebenso wie im Rudel. Wenn dort die Ranghohen streiten…) und wollen versöhnen und schlichten, damit die Gruppe wieder als geschlossenes Gefüge auftreten kann.

  •  Hunde treten sehr oft als Vermittler ein, es könnte ja sein, dass das Rudel „zerbricht“

checkEine Schwächung des Rudels trifft vor Allem die Rangniedrigen! Wir bilden mit unseren Hunden zwar kein Rudel im biologischen Sinne (Reproduktionsgemeinschaft), aber trotzdem sind wir ein Familienverband, der das Einzelne Mitglied stärkt.

 

Es kann und darf natürlich innerhalb der Familie zu Konflikten kommen (gehört auch ein Stück weit mit zur Sozialisation). Diese sollten allerdings gelöst oder beseitigt werden und es muss auch für den Hund „klar“ sein.

Wir dürfen nicht vergessen:
Hunde haben eine andere soziale Umwelt- und Lebensraumgestaltung als Menschen!
Hunde sind rudellebende Raubtiere


Soweit zum ersten Teil der Vermenschlichungsgeschichte.

Ich erlebe in der Praxis oft Hunde, die aufgrund überzogener Erwartungen seitens ihrer Menschen, ernstzunehmende Verhaltensweisen an den Tag legen. Es erzeugt einfach Stress, Erwartungen nicht erfüllen zu können, bzw. nicht eindeutig zu wissen WAS man denn nun eigentlich tun soll. Nicht aus eigener Kraft bewältigbarer Stress macht krank. Entweder drückt sich das in köperlichen Symptomen oder eben in verändertem Verhalten aus.
Es geht diesem Ersten Teil „Vermenschlichung“ NICHT um die Fragen, ob ein Hund im Bett schlafen soll oder nicht (das entscheidet jeder selber, ob er das haben möchte … ) oder ob der Hund was vom Tisch haben darf oder nicht. Das Augenmerk sollte in erster Linie auf den Erwartungen liegen, die wir in unseren Hund haben. Und auf den damit oft verbundenen Emotionalen Druck, den wir bewusst oder unbewusst auf den Hund ausüben können.

Schauen wir mal eine ganz normale Familie an.

Familie Schulz. Mutter Susanne (45), Vater Klaus (47), Sohn Dennis (16), Tochter Marie (6).
Familie Schulz plant im Familienrat, sich einen Hund anzuschaffen. Ein Labrador soll es sein. Die sind ja bekannt dafür, Familienhunde zu sein. Leicht erziehbar, verträglich mit allem und jeden. Natürlich von einem guten, verantwortungsbewussten Züchter. So weit so gut.

Was sind die Erwartungen, die Familie Schulz an ihren Hund stellt? Folgendes könnte sich  so oder so ähnlich verhalten:

Susanne hat ihre Karriere zum Wohle der Familie aufgegeben. Die gemeinsamen Kinder groß gezogen. Dennis ist nun fast schon aus dem Haus und Marie besucht die Ganztagsschule. Susanne möchte gerne wieder arbeiten. Zumindest halbtags. Klaus möchte das nicht. Er kann mit seinem Abteilungsleitergehalt die Familie gut versorgen. Ausserdem hat er sich daran gewöhnt, dass zu Hause alles in Ordnung ist, Wäsche gewaschen und Essen gekocht ist, wenn er nach Hause kommt.
Susanne freut sich auf den Welpen. Sie hat etwas, was sie umsorgen kann. Mit dem sie „raus“ kommt und Menschen trifft. Natürlich gehen wir in eine Hundeschule. Da kann man Gleichgesinnte treffen und vielleicht neue Freundschaften knüpfen. Und man hat jemanden, der einen braucht!
Susanne erwartet …..

Klaus ist Abteilungsleiter in einem mittelständischen Unternehmen. Eigentlich geht es ihm ganz gut. Er verdient genug, um seiner Familie ein angenehmes Leben  zu ermöglichen. Zwar ohne großen Sprünge, aber durchaus lebenswert. Insgeheim stinkt es ihm. Er wurde in den letzten Jahren bei jeder Beförderung übergangen. Klar kratzt das an seinem Selbstwertgefühl.
Klaus freut sich auch auf den Welpen. Er wird mit ihm in einen Hundeverein gehen. So einen zackigen. Er wird mit ihm alle Prüfungen laufen … und sein Hund wird das super machen! Ist ja SEIN Hund. Und vielleicht wird er irgendwann mal wer in dem Verein. Vielleicht sogar Vorstand!
Klaus erwartet ….

Dennis ist in der Pubertät. Aber eigentlich ist er noch ein kleiner Junge. Natürlich interessieren ihn schon die Mädels. Aber sie sich nicht für ihn. Dennis ist in letzter Zeit oft alleine unterwegs. Seine Kumpels haben alle schon ne Freundin. Nix mehr mit dreimal in der Woche aufn Bolzplatz.
Dennis freut sich auf den Welpen. Der kann ja dann Fußball mit ihm spielen. Und mit ihm Rad fahren. Und halt – noch viel besser! Mädchen stehen doch auf kleine Hunde. Vielleicht interessiert sich jemand für ihn, wenn er mit dem Welpen unterwegs ist und er findet endlich eine Freundin?
Dennis erwartet ….

Marie ist ein lustiges kleines Mädel. Wie sie halt nun mal sind in dem Alter. Sie hat in der Schule in der sie jetzt ist, eine Menge neuer Freundinnen kennengelernt. Aber die sind manchmal auch komisch und ärgern sie. Nun so sind Kinder nun mal, sagt Susanne zu ihr. Klaus meint, sie sei zu empfindlich und naja Dennis – der zieht sie nur auf.
Marie freut sich auf den Welpen. Dem kann sie all ihre Sorgen erzählen. Mit dem kann sie kuscheln und knuddeln. Und sie kann ihn mit zu ihren Freundinnen nehmen. Sie könnten dann Familie spielen und der Welpe ist das Baby. Natürlich kann man ihm Kleidchen anziehen und alle Freundinnen dürfen ihn herumtragen und ihn knuddeln.
Marie erwartet ….

Vier unterschiedliche Menschen mit vielen unterschiedlichen Bedürfnissen. Viele dieser Bedürfnisse könnte dieser kleine Hund für sie erfüllen. Oder? Sie meinen ich übertreibe? Nein. So ähnlich erlebe ich es oft in der Praxis. Erstaunlicherweise kommen die meisten Hunde sehr gut mit all diesen Wünschen und Träumen ihrer Menschen klar. Aber viele eben auch nicht. Und dann wirds schnell  zum Problem.

Wie auch bei Familie Schulz.
Susanne ist entnervt, weil alles an ihr hängenbleibt. Gassigehen, Füttern, Pipi und Kacke wegputzen. Sie ist froh, wenn Klaus, Dennis, oder Marie mal den Hund mitnehmen. Die Leute in der Hundeschule sind ihr zu jung, zu alt oder zu blöd.
Und da der Welpe mittlererweile ein Junghund ist und allerlei Blödsinn macht, der ihr peinlich ist, geht sie dort halt nicht mehr hin. Kann ja Klaus machen….
Klaus geht mit Jungspunt nun in eine „richtige“ Hundeschule, in der man ihm nun endlich mal Manieren beibringen wird. Klappt so leidlich. Natürlich weil Susanne den Hund verzogen und verweichlicht hat. Hat er ja von Anfang an gesagt. Nun wird man ihm mal die Flötentöne beibringen. Klaus steht unter Druck. In drei Wochen ist Gebrauchsprüfung. Und Labbi junior führt keines der Kommandos gut aus. Er zögert und ist unsicher. Ausserdem hat Klaus grad Stress auf der Arbeit. WOCHEN hat er in dieses Projekt gesteckt. Und WIEDER wurde er nicht befördert. Und der blöde Köter funktioniert auch nicht so wie er will…..
Dennis hat eine Freundin. Ja, sie fand den Labbi süß. Aber seit er ihr in die Nase gezwickt hat, als sie ihn knuddeln wollte, darf er ihn nicht mehr mitbringen. Ausserdem hat er 10 Fußbälle zerbissen. Und überhaupt ist Fußballspielen blöd. Man hat ja jetzt ne Freundin.
Marie nimmt den Junior nun auch nicht mehr mit. Seit er auf der andren Straßenseite eine Hündin gesehen hat und Marie quer über die Straße geschleift hat, traut sie sich nicht mehr. Na ist ja auch besser so. Aber kuscheln ist immer noch klasse. Und Verstecken spielen. Und zuhören tut er ihr auch noch. Sie weiß auch noch nicht, dass er ihr nächste Woche in die Hand zwicken wird, weil sie ihm wie früher immer ihre Kleider anziehen will …..

 

 

Lesen Sie in den nächsten Teilen:

Vermenschlichung durch

Probleme durch

  • Unverständnis der hundlichen Kommunikation
    • körpersprachlich
    • über Gerüche
  • Rangordnungs(un-)verständnis
  • mangelnde Sozialkompetenz und Verhaltensfehlinterpretation des Menschen

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